Mein Name ist Joachim Ramisch. Ich betreibe in Nördlingen die Riesmetall GmbH, eine auf galvanische Verzinkung spezialisierte Lohngalvanik. Mehr über mich und meinen Betrieb erfahren Sie unter www.galvanisch-verzinken.de, www.ascona-projekt.de und www.borsäure-in-der-galvanotechnik.de

Riesmetall war von 2005 bis 2011 nach DIN EN ISO 9001 zertifiziert, weil uns ein wichtiger Kunde aus dem Bereich der Automobil-Zulieferindustrie dies dringend „empfohlen“ hatte.

Dieser Kunde hat in diesen Jahren eine schlimme Zeit erlebt. Drei Heuschrecken schraubten nacheinander an ihm herum, zweimal hat er Insolvenz angemeldet. Wir mussten erleben, wie die Belegschaft immer mehr entnervt und demoralisiert wurde. Über 30 Jahre lang haben wir für diesen Kunden verzinkt, sind mit ihm durch dick und dünn gegangen. Es hat uns weh getan, dieser Entwicklung hilflos zuzusehen.

Irgendwann war es so weit: die Finanzprobleme unseres Kunden schlugen auf die Galvanisierbarkeit des uns angelieferten Verzinkungsgutes durch. Von strenger Kostendisziplin getrieben, waren wir für die Weiterbearbeitung in unserer Galvanik auf eine bestimmte Oberflächenqualität angewiesen, die der Kunde nun immer wieder vernachlässigte. Wir wurden für Fehler verantwortlich gemacht, die außerhalb unserer Einflussmöglichkeiten lagen. „Lasst euch etwas einfallen!“ war die lapidare Antwort auf unsere Hinweise darauf. „Verstärkt einfach eure Vorbehandlung!“ befahl man uns und es hörte sich an wie „das ist uns alles egal, wir haben ganz andere Probleme“. Überflüssig zu erwähnen, dass ein Preisaufschlag aufgrund von Mehrkosten kein Thema sein konnte.

Ein bizarrer Gegensatz war das zu den Selbstdarstellungen unseres Kunden an den Wänden seines Besucherzimmers. Sauber gerahmt hingen dort die Wertbekenntnisse und Qualitätsauszeichnungen des Unternehmens, eine heile Welt tatkräftigen Fortschritts wurde da beschworen. Die Zukunft gewinnen in vertrauensvoller Partnerschaft mit den Lieferanten, das wollte man in den besseren Zeiten erreichen, als diese Propaganda-Poster gestaltet wurden.

Wie konnte es so weit kommen? Es waren doch alle Prozesse beim Kunden und bei uns nach den aktuellen Qualitätsnormen zertifiziert! Unser gemeinsames Produktionssystem war darauf getrimmt, auch kleinste Soll-Abweichungen zu erkennen und richtig zu stellen. Richtig viel Geld war in die Qualitätssicherung investiert worden! War alles nur idealistischer Schein gewesen, den internationale Abzocker einfach kalt lächelnd beiseite schoben?

Leider ja, diese Erkenntnis war nicht mehr zu verdrängen. Die Zertifizierung von Unternehmen ist offensichtlich eine Schönwetterveranstaltung, die in Krisensituationen keinen Bestand hat. Unternehmerisch solide und verantwortungsvoll geführte Unternehmen brauchen kein Zertifikat und schlecht geführte Unternehmen werden dadurch nicht besser oder sicherer. Zertifizierung bringt den produzierenden Unternehmen keinen Mehrwert.

Es wurde klar, wir mussten uns wirklich etwas einfallen lassen und dann konsequent handeln, sonst würden wir in den Abwärtssog unseres Kunden mit hineingerissen werden. Als erstes stoppten wir die Kosten für die als unwirksam erkannte Zertifizierung und sagten die 2011 gerade bevorstehende Re-Zertifizierung ab. Unser Zertifikat nach DIN EN ISO 9001 lief aus und wir waren befreit von der drückenden Last der lähmenden Qualitäts-Verwaltung. Wir hatten wieder den Kopf frei für echte Qualitäts-Sicherung, die schnell und kostengünstig zum Ziel führt. Es war ein Aufatmen.

Damit kein Missverständnis entsteht: wir halten die Normung von Qualitätssicherung, Umweltschutz, Arbeitssicherheit und Energieverwendung für eine hervorragende Sache. In einer Norm fließt das know-how von vielen Fachleuten zusammen und kristallisiert so zu einem reichen Schatz der Erkenntnis, der allen zur Verfügung steht.

Die einzelnen Unternehmen sind aber so verschieden, selbst innerhalb einer Branche, dass nicht alle Bestimmungen einer Norm für jedes Unternehmen gleich bedeutend sind. Was für die einen sehr wichtig ist, kann für andere ganz entfallen. Nur sehr große Unternehmen mit vielen Standorten, im Extremfall weltweit, brauchen das volle Programm der Normung. Für mittelständische Klein- und Kleinstunternehmen sind, aufgrund ihrer natürlichen Transparenz, viele Regelungen überflüssig. Die gegenwärtige Praxis der Zertifizierung macht aber keinen Unterschied nach Unternehmensgröße und so bekommen kleine Unternehmen ein Verwaltungskorsett verpasst, das ihnen die Luft abschnürt.

Es gibt verschiedene Wege zum Ziel, das macht ja gerade den Reiz der Marktwirtschaft aus. Werden aber bestimmte Verfahrensweisen für alle Unternehmen durch Zertifizierung festgeschrieben, dann ist das die Wiedereinführung der Planwirtschaft, der bürokratische Totalitarismus.

Was ist die verbindliche Verpflichtung eines Organisationsmodells für Unternehmen aller Art anderes als Gleichschaltung? Was ist der Durchgriff der Automobilindustrie in das Management ihrer Zulieferer anderes als Zwangskollektivierung? Schlimme Begriffe aus überwunden geglaubten unseligen Zeiten der Diktatur in Europa erhalten durch den Zertifizierungswahn eine beklemmende neue Aktualität. Natürlich alles im Zeichen des Fortschritts. Und damit niemand vom rechten Weg abkommt, gibt es Auditoren. Dem lateinischen Wortstamm entsprechend wäre das mit „Zuhörer“ zu übersetzen, der Begriff „Aushorcher“ trifft es aber wohl besser. Wem dazu „Stasi“ einfällt, der geht sicher zu weit. Wie wäre es mit „Quasi“?

Deshalb: Schluss mit diesem gefährlichen Unfug! Fuck Zertifizierung!